Zur Startseite Seite drucken Fenster schliessen
 

Die Entstehung und die Auswirkungen des nationalsozialistischen Reichstierschutzgesetzes von 1933


Auszug:
...
Trotz der dünnen Quellenlage lässt sich anhand dieser Akte ein bislang gänzlich unbekannter Aspekt der tierexperimentellen Forschung im Dritten Reich beleuchten: Die illegale Versuchstierbeschaffung. Der Leiter des Physiologischen Institutes, Professor Achelis, scheint spätestens 1941 den Konflikt zwischen staatlicher Disziplinierung und der Notwendigkeit von tierexperimenteller Forschung auf eigenwillige Weise umgangen zu haben. Im Bestreben nach einer geregelten Versorgung seines Instituts mit Versuchstieren knüpfte er 1943 Kontakt mit dem Berliner Pensionär Emil Reichelt, der sich mit illegalem Versuchstierhandel ein Zubrot verdiente. Wider die Vorschriften des Reichstierschutzgesetzes scheint Reichelt in seiner Berliner Wohnung massenweise Kleintiere auf engstem Raum gehalten zu haben. Seine Angebotspalette erstreckte sich dabei von herkömmlichen Hamstern bis hin zu sibirischen Erdhörnchen und Krallenfröschen. Achelis bestellte zwar umgehend, konnte seinen Versuchstierbedarf aber langfristig nicht mit Reichels Angeboten decken. Da im Laufe des Jahres 1943 die Versuche, die Lieferungen seiner ehemaligen, legalen Versuchstierhändler wieder in Gang zu bringen, immer mühsamer wurden, ist nicht auszuschließen, dass der Diebstahl von Haustieren zunehmend ins Blickfeld geriet. Bereits 1941 hatte sich ein Heidelberger namens Paul Paschke schriftlich an das Physiologische Institut gewandt: „Meine Katze ist heute seit 5 Tagen fort, es besteht die Möglichkeit, dass sie mir entwendet und an Versuchsanstalten veräußert worden ist.“ (UAHeid KV-IV/2-11/3). Paschkes
Misstrauen scheint keineswegs unbegründet und ungewöhnlich. Der Handel mit gestohlenen Haustieren dürfte zwar im Vergleich zum Gesamthandel mit gezüchteten Versuchstieren seit jeher nur eine geringe Rolle gespielt haben, eignete sich aber seit Bestehen der Tierschutzbewegung im 19. Jahrhundert vortrefflich zur Agitation der Anti-Vivisektionisten. Bereits 1902 hatte in Frankfurt am Main ein öffentlich viel beachteter Prozess gegen vier Männer stattgefunden, die beschuldigt wurden, das „Königliche Institut für experimentelle Therapie“ des späteren Nobelpreisträgers Paul Ehrlich mit gestohlenen Hunden beliefert zu haben. Auch wenn die Angeklagten freigesprochen wurden, hielt sich das Misstrauen in der Bevölkerung hartnäckig, und die Forderung nach einem Bestandsbuch in den Laboratorien, das „über den Erwerb höher organisierter Tiere, wie Hunde und Katzen, sicheren Nachweis bietet und damit den heute nicht seltenen Ankauf gestohlener Tiere einschränkt“ (Forderungskatalog des „Verbands der Tierschutzvereine des Deutschen Reiches, 1931), muss in diesem Zusammenhang gesehen werden.
...


 
Zur Startseite Seite drucken Fenster schliessen